„Mythos Bildung – die ungerechte Gesellschaft, ihr Bildungssystem und seine Zukunft“ von Aladin El-Mafalaani

Buchempfehlung von Cornelia Fiebiger

Ausgangspunkt der Überlegung El-Mafaalanis ist der verbreitete Glaube, Bildung könne oder müsse alle Probleme lösen.
Die Chancenungleichheit im deutschen Schulsystem beschreibt er als systematisch. Die Folgen schildert er differenzierter, als man es gewohnt ist und überraschend.
Er kennt das deutsche Bildungssystem aus mehreren beruflichen und privaten Perspektiven und veröffentlichte „Mythos Bildung“ als Professor für Erziehungswissenschaft in NRW.
Warum ist das Buch für Grundbildungsakteure in der Erwachsenenbildung interessant?
Zunächst setzt er sich mit dem Begriff „Bildung“ auseinander und packt den Leser bei seinen Vorurteilen, wenn er plakativ Ober- und Unterschichtenzuweisungen oder Bildungsferne beschreibt, um das Dilemma der Begriffsbestimmung zu illustrieren.
Es geht durchgehend um die Chancenungleichheit, die aus seiner Sicht nicht mit Gleichbehandlung in der Schule beantwortet werden kann. Daher sieht er das Bildungssystem nicht als Lösung, sondern als Bestandteil des Problems, denn hier werden Machtstrukturen reproduziert.
Alle in der Grundbildung Tätigen kennen die Geschichten der prekären Lebenslagen von Teilnehmerinnen, die sie daran hindern, Kraft für Entwicklungsprozesse oder Lernaufgaben aufzubringen. Diese Beobachtung macht El-Mafaalani auch bei Kindern, denen die Kraft und die Ressourcen zum Lernen fehlen.
Ein besonders aufschlussreicher Denkansatz in diesem Zusammenhang ist das Habitus Konzept von P.J. Bourdieu und die damit zusammenhängenden milieuspezifischen Verhaltensweisen in Bezug auf Lernen, Lebensgestaltung, Kommunikation, die Rolle von Bildung, die Voraussetzungen für Bildung usw.
Es handelt sich beim Habitus um kollektive Verhaltensweisen und Praxisformen, die innerhalb des jeweiligen Milieus funktionieren und Zugehörigkeit erzeugen. Eine entscheidende Rolle spielt die Teilhabe an gesellschaftlichen Gütern in Form von ökonomischem, kulturellem, sozialem und symbolischem Kapital.
Der im Herkunftsmilieu erworbene Habitus bestimmt, was Bildung sein kann, welche Grenzen es gibt und in welche Aufgaben die Energie fließt. Ein Leben im Mangel führt zu anderen Verhaltensweisen, als ein Leben im Wohlstand.
Verhaltens- und Denkmuster sind sehr stabil und können u.U. durch Bildung verändert werden, jedoch in einem sehr langen Prozess, mit sehr großer Willenskraft und keinesfalls ohne Unterstützung.
In der Grundbildung können wir daher – wie wir schon lange wissen – nicht nur an Sachthemen wie Lesen, Rechnen oder ein Haushaltsbuch führen arbeiten. Die Akzeptanz und die Auseinandersetzung mit den Denk- und Verhaltensmuster, die aus dem Habitus resultieren, ist wichtiger Bestandteil der Grundbildung. Das sollte sich stärker in den Bildungsangeboten der Erwachsenenbildung widerspiegeln.
Die Anregungen El-Mafaalanis für Veränderungen im Schulsystem können ebenso für die Grundbildung herangezogen werden. Revolution ist nicht notwendig, Ungleichbehandlung reicht schon, indem wir Menschen in prekären Lebenslagen fehlende Ressourcen vermitteln. Wie das konkret aussehen kann, ist unsere Aufgabe in den Bildungseinrichtungen. „Mythos Bildung“ ist dabei ein starker Denkanstoß.
Leipzig, 19.11.2020

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