„Pädagogik der Unterdrückten“ von Paolo Freire

Eine Buchempfehlung von Dr. Gisela Winkler

Wenn wir uns 2021 mit Grundbildung für Erwachsene beschäftigen, lohnt es
sich Paulo Freire´s Pädagogik der Unterdrückten zu lesen. Das
portugiesische Original (1968) wurde 1970 ins Englische übersetzt und
erschien 1971 erstmalig in Deutsch. Obwohl Freire weltweiten Einfluss
als Vordenker der Alphabetisierungsarbeit für Erwachsene genießt, ist
sein Werk in Deutschland immer noch wenig bekannt. Die Gründe dafür sind
vielfältig, nicht zuletzt, weil man Freire nicht ernsthaft lesen kann,
ohne über die politischen Koordinaten der Grundbildungsarbeit in
Deutschland nachdenken zu müssen.

Freire war Humanist. Er glaubte an die Würde eines jeden Menschen, an
das menschliche Bedürfnis Freiheit und an den emanzipatorischen Auftrag
der Erwachsenenbildung. (Kapitel 1) Voraussetzung für eine
ermächtigende, wirksame Bildungsarbeit ist, laut Freire, eine
dialogische Lernbeziehung (Kapitel 2). Das „Anhäufen von Wissen“ nach
einem Bankierskonzept wird kritisch hinterfragt und weicht einer
dialogischen Praxis. Im Dialog lernen bedeutet für Freire, gemeinsam
lebensbezogene Probleme zu erkunden und zu lösen. Dabei stehen die
Interessen des Lernenden im Mittelpunkt. Durch das aktive, dialogische
Vorgehen entwickelt sich das kritische Bewusstsein von Lernenden sowie
von Lehrenden und nährt eine kreative Imagination von Möglichkeiten.

Ein Kernstück der pädagogischen Arbeit ist das Erkennen, Benennen und
Vertiefen von Themen, die für ein selbstbestimmtes Leben der Lernenden
wichtig sind. So werden sich die Menschen der Grenzen ihrer Lebenswelt
bewusst und nehmen die damit verbundenen Widersprüche wahr. Weiterhin
ermutigt sie der Dialog, die Welt kritisch zu reflektieren und neue
Lösungen zu finden (Kapitel 3). Die Alphabetisierung stellt für Freire in
diesem Prozess kein eigenes Thema dar, sondern wird immer als Instrument
der Teilhabe verstanden. Lerner üben sich im Schreiben, weil sie Anträge
stellen wollen. Sie lernen zu rechnen, weil sie die Kontrolle über ihr
Geld haben wollen. Menschen, deren Leben von einer Schriftkultur
bestimmt wird, sollen Zugang zur Schrift haben, damit sie sich wehren
und Umstände verändern können.

Im letzten Kapitel des Buches (Kapitel 4) weitet Paulo Freire seine
Pädagogik auf einen gesellschaftlichen Befreiungsprozess aus. Er
beschreibt, wie er sich die kulturelle Ermächtigung der Unterdrückten
vorstellt. Wieder steht die dialogische Pädagogik im Mittelpunkt, denn
nur durch ehrlichen und kritischen Dialog kann sich das menschliche
Bewusstsein entwickeln. Freire war fest davon überzeugt, dass es diesen
gesellschaftlichen Dialog braucht, damit die durch Alphabetisierung
ermächtigten Lerner sich nicht einfach „weiter oben“ in die bestehenden
Strukturen einreihen und zu neuen Unterdrückern werden.

In der Pädagogik der Unterdrückten zelebriert Freire die Fähigkeit der
Menschen ihre Probleme zu lösen. Er betont die Kraft der Imagination von
einer neuen Gesellschaft, die dort sichtbar wird, wo wir
Bewusstseinsbildung und kritischen Dialog einsetzen. Trotz der
vielleicht etwas idealisierenden Sprache ist es ein wichtiges Buch für
unsere Zeit.
8.1.2021

Auch Interessant:
https://userpages.uni-koblenz.de/~luetjen/sose11/gpu.pdf
https://www.die-bonn.de/zeitzeichen/paulofreire.aspx
Kira Funke (2010): Paulo Freire, Werk, Wirkung und Aktualität,
Interaktionistischer Konstruktivismus, Band 9,  340  Seiten, 
broschiert,  39,90 €,  ISBN 978-3-8309-2355-8

Kommentare

  1. Diese Anregung finde ich sehr schön.
    Sie frischt viele kluge Gedanken auf, die im Alltag und in der Bildungsdiskussion leider manchmal unter den Tisch fallen.

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